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08 Juli 2005

Dol2Day - ein gar nicht nostalgischer Rückblick

Ich gebe es zu: So alle ein, zwei Tage habe ich als Gast bei Dol2Day reingeschaut. Denn natürlich bleibt nach drei Jahren Mitgliedschaft in einer solchen Community noch interessant, wie es weiter geht (vielleicht auch mit einem Fünkchen Eitelkeit: "wie es ohne mich weiter geht." *g*).

Ich rufe mir die aktuelle Umfragen-Übersicht auf, schaue in die eine oder andere Diskussion, besuche auch mal das Offene Forum meiner ehemaligen Partei ... und weiß immer weniger, was mich so lange dort gehalten hat.

Gut, auf der einen Seite hat sich über all die Zeit natürlich ein sozialer Bezug zu den anderen Dolern entwickelt. Und manche Mit-Doler habe ich auch persönlich in der echten Welt kennen- und schätzen gelernt.

Auf der anderen Seite aber hatte ich in Wirklichkeit schon länger diesen Widerwillen gespürt. Den Widerwillen, der durch die täglichen Kindereien entstand, die man zu lesen bekam.
In jeder Diskussion tauchten platteste "Argumente" auf - da wurde pauschalisiert und auf dümmste Weise polemisiert, dass die BILD neidisch werden könnte.

Aber nicht nur das - letztendlich baut das ganze Konstrukt Dol auf eigenartigen Fundamenten auf. Dol soll eben nicht nur Diskussionsplattform sondern Politik-Simulation sein.
Aber was ist eine solche Politik-Simulation? Wie kann man Politik simulieren?

Wer sich überhaupt noch fundiert mit dieser Frage beschäftigt, versteht darunter die Selbstverwaltung dieser virtuellen Welt. Also als das Schaffen von internen Regeln und optischen, organisatorischen Gestaltungsvarianten.
Das klingt erst einmal logisch - was wäre konkrete Politik anderes, als der Inhalt und die selbst organisierte Entwicklung gemeinschaftlicher Strukturen?

Dabei gibt es dummerweise nur ein paar handfeste Probleme:

Zum einen ist die Möglichkeit, eine begrenzte virtuelle Welt zu (ver-)regeln, recht beschränkt. Will man nicht Leute vom Mitmachen abschrecken, kann man nicht Dschungellandschaften von Regeln schaffen, nur um des Simulationszweckes wegen. Auch die Regelvereinfachung, die man sich irgendwann als Lösung einfallen lassen könnte, ist logischerweise nur beschränkt möglich.
Das Futter für "politischen" Streit, der sich so definiert, ist also nur begrenzt vorhanden.

Ein weiteres, noch gravierenderes Problem ist, dass diese Regelsimulation in der virtuellen Dol-Welt nicht zu dem passt, was der normale Mensch sich unter Politik vorstellt.
Ein politisch interessierter Mensch wird von realen Themen bewegt: Themen der Wirtschaftspolitik, Bildungsfragen, außenpolitischen Ereignisse und Abläufe oder auch einfach grundsätzlichere ideologische Überzeugungen und Theorien.
Genau nach Antworten auf diese Themenfelder definieren sich auch die meisten und mitgliederstärksten Dol-Parteien: Es gibt rechte, linke, liberale Parteien, es gibt Parteien die sich an realen Vorbildern ausrichten und Parteien, die politische Strömungen neu zu mischen versuchen. Eigentlich eine ganz spannende Sache, sagt sich der Politikinteressierte.

Und was stellt er dann fest? Der politische Wettbewerb, an dem er mit seinen Parteikollegen teilnimmt und deren propagiertes Ziel die Kanzlerschaft ist, dreht sich zwar um die besagten Themen, recht zuverlässig wird zwar der Auffassung von politischen Streit entsprochen, die Kinder oder BILD-Leser haben mögen:
Da die Bösen (die Linken, die Rechten, die Grünen, die Liberalen), hier die Guten. Und auf zum fröhlichen Aufeinanderein-Schlagen!

Aber dann? Was winkt dem Sieger dieses Streits der Lager und der Schlagworte?
Ein Profilbild auf der Startseite, das Recht, "Regierungs"foren zu gestalten und zu administrieren. Und sonst?

Sonst bleiben ihm, dem glücklich gewählten Kanzler, zwei Möglichkeiten:

Die interne Regelgestaltung zu versuchen. Also als Christdemokrat gegen Sozialdemokraten, als Grüner gegen Liberale, als Kommunist gegen Rechtsextreme anzutreten und sich mit diesen Gegnern um Dol-Spielregeln zu streiten. Darum, wer wann Umfragen stellen darf, wer für welche Vergehen gegen die Diskussionskultur wie bestraft werden soll und welche virtuellen Punkte es wofür gibt.
Wobei dieser politische Streit um unpolitische Regeln meist im passiven Nichts endet.
Weil Abstimmungen über Regeln danach entschieden werden, wer diese Regeländerung vorschlägt.
Weil man ja als Rechter gegen einen Linken (und umgekehrt) in der Kanzlerwahl angetreten ist. Und warum sollte man nun die Bedeutungsebene wechseln, real-politische Unterschiede vergessen und sich stattdessen um virtuelle Plattformregeln streiten? Dann verliefen ja die Grenzen zwischen den Anhängern dieser oder jener Regel-Idee quer durch "Regierung" und "Opposition" und führten die Grundlagen der stattgefundenen Wahl ad absurdum.

Die andere Möglichkeit eines Kanzlers ist, seine real-politische Überzeugung durch Stellungnahmen nach innen und außen zu vertreten. Dies kann er tun. Es gibt zwar ein paar Extremisten des Status-Quo, die den Kanzler auf die eben beschriebene absurde Rolle als unpolitische Regel-Vorschlags-Instanz beschränken wollen, aber die Mehrheit scheint einen politisch auftretenden Kanzler nicht besonders verwerflich zu finden.
Hier setzte ein Konzept an, das meine Mitstreiter und ich Modell der "2 Ebenen" nannten.
Ziel war, die interne Regelebene von der real-politischen Ebene zu trennen. Also den sich real-politisch definierenden Parteien im Wettkampf um den Kanzlerposten auch solchen Inhalt zu geben.
Während sich die Regel-Simulatoren davon getrennt in Arbeitsgruppen zusammenfinden und zusammenwählen hätten können, um die unpolitischen Regel-Gestaltungsfreuden zu genießen ohne sie "links" und "rechts" zu definieren oder in diesem Lagergemenge sachfern verteidigen zu müssen.

Das Bild, das uns vorschwebte, war ein Kanzler, der außerhalb Dols um das Wahrgenommen-Werden wirbt. Indem er von der internen, unpolitischen Regelgestaltung befreit wird und sich allein um die Politik kümmert, die Leute zu Dol lockt und die Grundlage der Dol-Parteien ist. In dem er als immerhin von ein paar Tausend Leuten gewählter Kanzler zu verschiedensten Themen möglichst öffentlichkeitswirksam Stellung bezieht. Möglichst natürlich zu Themen, bei denen Mitgliedern einer politischen Internet-Plattform Kompetenz zugeschrieben werden könnte.

Das "2 Ebenen"-Konzept ist, wie ich letztens gesehen habe, in einer Abstimmung gescheitert.
Inzwischen bin ich aber auch der Ansicht, dass es scheitern musste.
Die Mehrheit der Doler hat sich im Status Quo eingerichtet. Die Mehrheit nutzt Dol als Diskussionsforum, nutzt die Parteien als Versammlungsorte Gleichgesinnter und hält die Wahl eines Kanzlers für eine recht unwichtige Sache, bei der man trotzdem am besten dem politisch nahe stehenden Kandidaten seine Stimme gibt. Wozu auch immer.
Das Selbstbewusstsein und Interesse für den Versuch fehlt, mit einem gewählten Kanzler auf die echte Politik einzuwirken.
Der Kanzler und mit ihm der organisierte, auf ein Ziel gerichtete politische Wettstreit ist ad acta gelegt worden. Auch, wenn man die Form noch wahrt und so tut, als wäre es schlimm, wenn der politische Gegner das zweifelhafte Vergnügen hat, den Kanzler zu stellen.

Als Diskussionsforum brauche ich Dol nicht mehr. Und als darüber hinaus gehendes Projekt halte ich es für gescheitert.
Ich werde demnächst wohl das Dol-Konto "Boche" löschen gehen und den Link von meinem Blog entfernen. Denn wirklich empfehlen kann ich Dol2Day nicht mehr.